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Irlands vergessene Hunde

"Wer sein Heim und sein Leben mit einem Greyhound teilt, pflegt eine Gemeinschaft, die so alt ist wie die Zivilisation selbst. Dies sind die gleichen Hunde, die neben Pharonen schliefen, im Mittelalter mit dem Hochadel auf die Jagd gingen und Künstler und Dichter über Jahrtausende inspiriert haben".
Cynthia Braniga

Greyhound, Gefährte von Herrschern
Diese Windhundart der Superlative gehört einer der ältesten Hunderassen an, über die schon seit Jahrtausenden in darstellender Kunst und Literatur berichtet wird. Als früheste Quelle wird eine Grabstätte aus dem Niltal genannt, die zur 4. Dynastie gehört, nach unserer Zeitrechnung zwischen 2900 bis 2751 B.C. Generell spielten Greyhounds im alten Ägypten offenbar eine sehr wichtige Rolle, denn man begrub sie sogar mumifiziert mit ihren Besitzern.

Viele Kultstätten wurden mit Abbildungen dieser eleganten Tiere verziert und Hieroglyphen eines Hundes, der sehr den modernen Rassen von Greyhounds, Saluki und Sloughi ähnlich sieht, kann man in etlichen altägyptischen Schriften entdecken.

Auch Alexander der Grosse besass einen Greyhound namens Peritas, und der einzige, der den zurückgekehrten Odysseus erkannte, war sein Greyhound Argus. Chaucer spricht von ihnen in den "Canterbury Tales" und Shakespeare in "Henry V" und "Die lustigen Weiber von Windsor".

Selbst griechische und römische Götter wurden oft mit den grauen Tieren dargestellt, deren Felltönungen sich jedoch nach Kreuzungen mit Bulldoggen im 17. Jahrhundert erweiterte auf eine gefächerte Farbpalette in weiss, loh- und sahnefarben, braun, schwarz - manchmal gestromt oder mit gefleckten Mustern.

Es gibt verschiedene Vermutungen über die Herkunft des Namens. Bezieht er sich auf die frühere graue Farbe oder bedeutet er, übersetzt aus altem Englisch, "Jagdhund"? Oder könnte er ursprünglich "Griechischer Hund" geheissen haben, da er England von Griechenland aus erreichte? Möglicherweise sollte Greyhound auch "Nobelster unter den Hunden", bedeuten, denn er war lange mit Mitgliedern des Königshauses in Verbindung gebracht worden: zwischen dem 11. und 14 Jahrhundert war es dem normalen Sterblichen zum Beispiel in England streng verboten, ein solches Tier zu halten - bei Todesstrafe!

Rekordschnelligkeit fuehrt zum Drama
Ausserdem gehören diese athletischen Tiere mit ihren Bewegungen von tänzerischer Grazie nicht nur zu den nobelsten, sondern auch zu den schnellsten. Nach vielen Jahren entsprechender Züchtung erreichen sie nämlich Spitzengeschwindigkeiten und ähneln fast einem über den Boden sausenden Geschoss. Diese Rennhunde erreichen nicht nur eine Sprintgeschwindigkeit von unglaublichen 70 km pro Stunde, sondern halten auch ein Tempo von bis zu 50 km/h einige Kilometer lang durch. Eine eindrucksvolle Leistung der Tiere - und gleichzeitig deren Verhängnis, denn sie werden in grossem Maszstab in einer milliardenschweren Industrie der Hunderennen verheizt!

Solche Rennanlagen betreibt man überall in der Welt, und zwar in den meisten europäischen Ländern, Australien und auch 16 US-Staaten, unter ihnen Florida und Arizona, wo nach Feststellungen amerikanischer Tierschutzorganisationen auch der Rekord gehalten wird in Misshandlungen. In 34 weiteren US-Staaten dagegen sind Hunderennen verboten, weil man sie als inhuman und archaisch beurteilt: Abgesehen von Quälereien im Zusammenhang mit den Rennen selbst werden jährlich Zehntausende gesunder Welpen als Abfallprodukt der Zucht "entsorgt". Die vielen Kadaver verscharrter Rennhunde hat in den 70ern sogar im amerikanischen New Hampshire zu einer erst Verseuchung der öffentlichen Wasserversorgung geführt. Es wurden zwei Quellen in der Nähe von Rennanlagen als Ursachen der Vergiftung ausgemacht; ein Anwohner behauptete, dass dort Tausende von Tierleichen vergraben worden sind. Beide Brunnen sind nun für immer unbrauchbar geworden!

Irland "produziert" die meisten Renner
Auf der Grünen Insel gelten, nach Meldungen der Irish Animals on the Web, diese edlen Tiere fast nur als Handelsware. Jedes Jahr werden ungefähr 20.000 Welpen registriert (tatsächlich werden noch viel mehr geboren und nicht selten gleich wieder vernichtet) und 10.000 Tiere in europäische und asiatische Länder wie auch in die USA exportiert.

Dabei ist anzumerken, dass sogar die nationale Luftfahrtgesellschaft sie bis vor kurzem als Frachtgut und nicht als lebende Wesen transportierte. Greyhounds werden vom irischen Landwirtschaftsministerum nämlich nur als "kommerzielle" Tiere geführt, und normale EU-Hunde-Transportbedingungen sind bei den für lange Reisen in engste Käfige gezwängten Tieren angeblich nicht zwingend erforderlich.
Offiziell werden jährlich 14.000 Tiere getötet (die Dunkelziffer ist sehr viel höher), weil sie entweder als Jungtiere nicht den Ansprüchen genügen, bei Rennen zu langsam waren oder sich dabei verletzt haben, vielleicht auch ganz einfach nicht mehr genug Gewinn erliefen. Ein Insider: Sentimentalitäten und Verdienst passen nicht zusammen.

Das gnädigste Schicksal der jungen Todeskandidaten ist noch die Spritze des Tierarztes, aber sie werden auch für alle möglichen Experimente abgegeben oder einfach "irgendwie" umgebracht. In dem Zusammenhang sind in den letzten Jahren besonders die in einigen Ländern angewandten unbeschreiblich brutalen Methoden einer entsetzten Öffentlichkeit bekannt geworden.

Weltweite Proteste werden immer lauter!
Mittlerweile wehren sich nicht nur irische Tierschutzeinrichtungen immer heftiger gegen diese Art der Ausbeutung, sondern überall entstehen die verschiedensten Kampagnen im Interesse der geschundenen Tiere. So haben zum Beispiel in den letzten Jahren belgische Tierschutzorganisationen eine grosse Anzahl von spanischen Greyhounds retten und sie an Adoptivfamilien vermitteln können. Immer wieder schweben Petitionen im Interesse von Greyhounds durch das Internet und ernten viele Unterschriften.

Aber vor allem in Amerika nimmt der Widerstand ganz massiv zu. So hat die amerikanische Tierschutzorganisation CAGE (Idaho Citizens Against Greyhound Entertainment/ www.idahocage.org) auf Anfrage mitgeteilt, dass die Mehrzahl der bestehenden Adoptionszentren von der Rennindustrie unterhalten und kontrolliert werden. Eine der wichtigsten Aufgaben der finanziell unabhaengigen Gruppen wie zum Beispiel CAGE ist dagegen die Aufklärung der Öffentlichkeit, um sie mit gruseligen Tatsachen zu konfrontieren, die sich hinter den Kulissen der Renngeschehen abspielen: Deborah Hope ist fest überzeugt davon, dass bei Bekanntwerden von Fakten das Publikum sich von dieser Art der "Unterhaltung" schnell abwenden wird.

Eine einzigartige Hundehütte
Aber auf diesen von vielen herbeigesehnten Moment der Einsicht wollte die deutsche Tierschutzorganisation Pro Animale nicht warten! Also hat sie ein weitläufiges Anwesen im County Galway zum ersten irischen Asyl für Greyhounds umfunktioniert, in dem eine pensionierte Geschäftsfrau aus Düsseldorf mit ihren Helfern 46 "aussortierte" Renner und viele andere Tiere wie Ziegen, Schafe und sogar Pferde betreut.

Das für die Unterbringung der Hunde renovierte Bauernhaus besteht aus grossen Zimmern und Korridoren, deren geflieste Böden bei Regen bis zu zehnmal täglich gereinigt werden müssen. Gewerbliche Waschmaschinen, Trockner, Herde und Kühlschranke machen Überstunden, um den Bedürfnissen der vielen Bewohner gerecht zu werden.

Nach einem sorgfältig erarbeiteten Integrationssystem werden neu eingelieferte Hunde zunächst im "Trauma-Zentrum" untergebracht, nämlich im riesengrossen Schlaf- und Wohnzimmer der Hausfrau. In der nächsten Stufe ziehen sie dann um in einen der mit schönen Namen wie Geduld, Toleranz, Treue, Ehrlichkeit und Kraft bezeichneten Räume, wo sie ein weiches Lager auf braunen Wolldecken finden und sich nach erlittenen Qualen wieder langsam in eine bessere Welt zurückschnüffeln können.

Greyhounds sind keine mageren Fieslinge, sondern besonders liebe Hausgenossen

Wer hatte schon Gelegenheit festzustellen, dass Greyhounds sanfter sind als Chihuahuas oder Yorkshire Terrier, und dass sie sich liebevoll, ausgeglichen und freundlich der ganzen Familie anpassen, vom Baby bis zur Grossmutter? Natürlich lassen sich diese Tiere zum Jagen trainieren, durch ihnen vor die Füsse geworfene Hasen und Katzen blutrünstig machen und auch zum Rennen abrichten, aber viel lieber würden sie gemütlich Zuhause rumhängen und den Kopf auf die Knie ihres Menschen legen! Sie eignen sich hervorragend als vierbeiniges Familienmitglied, und es ist schwer vorstellbar, dass diese Renner tatsächlich kaum mehr Auslauf benötigen als andere Hunde! Falls sie einige wöchentliche Sprints hinlegen dürfen, sind sie absolut zufrieden mit normalem "Gassigehen" und der Rolle eines Stubenhockers. Ein weiches Lager ist für sie übrigens nicht nur angenehm, sondern auch wichtiger als für andere Tiere, denn sie haben so gut wie kein Körperfett und leiden schnell unter Druckstellen.

Greyhounds sind kinderlieb und wenden sich von kleinen Quälgeistern vornehm und diskret ab, ohne sie anzuknurren oder zu bedrohen. Sogar mit anderen Haustieren kommen sie normalerweise gut zurecht, obwohl nicht alle Freunde von Katzen sind. Aber das haben sie schliesslich gemeinsam mit vielen anderen Hundearten!

Nach Meinung der "Irish Times" sehen allerdings die meisten Iren normalerweise in Greyhounds nichts als Rennmaschinnen, die ausserdem noch als gefährlich einzuschätzen sind, da sie nie ohne Maulkorb auftreten. Welch Irrtum!
Um den verkannten Tieren eine vorteilhaftere Presse zu verschaffen und Interessierten die Möglichkeit zu besserem Kennenlernen zu bieten, organisiert das Greyhound-Asyl daher Tage der Offenen Tür. Wenn bei der Gelegenheit Besucher einige der
von ihren Decken aufspringenden und hechelnd herbeirennenden "Monster" sehen, wird den meisten schon mulmig. Doch zur allgemeinen Überraschung beschränken sich die befürchteten Attacken auf wildes Schwanzgewedel und freundliches Anstupsen.

Für Greyhound Glen gab es bei einer solchen Gelegenheit sogar ein ganz besonders glückliches Ereignis, denn eine Familie verliebte sich in ihn und nahm ihn mit. Innerhalb eines Jahres hat also nur ein einziger pensionierter Rennhund ein neues Zuhause gefunden! Herzlich wenig! Aber es ist immerhin ein Beginn, über den die Hausherrin sich freut!




Source: EVANA
Author: EVANA


Date: 2011-04-12

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